Kirche – auch ein Ort des politischen Protests

Hintergrund

In der evangelischen Gethsemanekirche im Prenzlauer Berg (Berlin) finden seit vielen Monaten Fürbittenandachten für die zu Unrecht Inhaftieren in der Türkei sowie weltweit statt. Ursprünglich wurden sie wegen der Inhaftierung des Gemeindemitglieds und Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner initiiert. Doch auch nach der Entlassung Steudtners aus der Untersuchungshaft und seiner Rückkehr nach Deutschland werden die Fürbittenandachten fortgesetzt und all jener Menschen gedacht, die zu Unrecht inhaftiert sind.

Zur religiösen Bedeutung des Gebets

Gebete tragen für Christen einen Selbstzweck in sich, da sie als Ausdruck und Artikulation für das verstanden werden, was Menschen vor Gott bewegt. Der evangelische Theologe Wilfried Härle beschreibt die Bedeutung des Gebets als „unersetzlich“, weil „es der Ort völliger Offenheit und Aufrichtigkeit, letzter Ernsthaftigkeit und vorbehaltlosen Sich-Anvertrauens ist“ (Härle 1995: 301). Die Gethsemanegemeinde hat die Fürbitten genutzt, um vor Gott und den Menschen auf Ungerechtigkeit  hinzuweisen. Kontinuierlich, jeden Tag, in jeder Woche um 18.00 Uhr.

Zusätzlich zu dieser expressiven Dimension verbinden Christen mit dem Gebet auch die Bitte nach dem tatsächlichen Wirken Gottes im Hier und Jetzt. Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, hat dieses Anliegen in einem Interview folgendermaßen formuliert:

„Wir wenden uns mit einem Anliegen, von dem wir sagen, dass kann so nicht sein, das ist Ungerecht, das widerspricht der Wahrheit, wenden wir uns an Gott selbst. Sowie es die Beter in den Klagepsalmen gemacht haben. Und wir glauben daran, dass Gott eine Wirklichkeit ist, die auch wirksam wird und deshalb sind wir auch getragen von der Hoffnung, dass es eben nicht dazu kommen wird, dass Peter Steudtner 15 Jahr in Haft bleiben muss, sondern dass sich herausstellen wird, was wahr ist“ (Dröge 2017).

Kirche als Ort des Protests

Neben dieser religiösen Dimension wird Kirche mit dieser kontinuierlichen Fürbittenpraxis zu einem wichtigen Faktor der Politik. Kirche wird zu einem Ort des politischen Protests.

Die Kirchengemeinde hat durch die Fürbittenandachten zwar in religiöser Form und Sprache auf das Unecht der Verhaftung von Peter Steudtner hingewiesen, ihr Gegenstand kann aber auch im Lichte der nicht religiös argumentierenden Vernunft als Ungerechtigkeit identifiziert und angeklagt werden. Auf diese Weise ist der kirchliche Protest auch für andere, nicht-kirchliche und nicht-religiöse Diskurse anschlussfähig.

Dieses übergreifende Moment wird in den Fürbittenandachten auch dadurch evident, dass nicht nur dem Gemeindemitglied Peter Steudtner gedacht, nicht nur seine Freilassung gefordert wird, sondern dass auch Gerechtigkeit für andere zu Unrecht Inhaftierte – wie etwa für den deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel – gefordert wird.

Kirche im Licht öffentlicher Theologie

Am Beispiel der Fürbittenandachten wird deutlich, dass das Verhältnis der Kirche zur Öffentlichkeit im Lichte öffentlicher Theologie bestimmt ist. Heinrich Bedford-Strohm, der amtierende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschlands, hat verschiedene Dimensionen von öffentlicher Rede der Kirche entwickelt. Im vorliegenden Fallbeispiel tritt vor allem die pastorale Dimension der öffentlichen Rede von Kirche deutlich hervor (Bedford-Strohm 2011). Sie wird insbesondere bei der Bewältigung von Trauer und Fassungslosigkeit in Krisensituationen relevant und reicht auch in nicht-kirchliche Diskurse hinein.

Zugleich tangieren die Fürbittenandachten aber auch die von Bedford-Strohm identifizierte diskursive Dimension öffentlichen Redens in der Kirche, da die Kirche politische Verfahren kritisch kommentiert, Öffentlichkeit für ein politisches Unrecht erzeugt und auf Veränderungen drängt, die über die Grenzen der Kirche und ihrer Gemeinden deutlich hinausreicht. Auf diese Weise kann sie den Rechtfertigungsdruck auf politische Akteure erhöhen, um Veränderungen zu erreichen.

Die Fürbittenandachten der Berliner Gethsemanegemeinde für die zu Unrecht Inhaftierten in der Türkei und weltweit geben Menschen einen Raum, in dem Unrecht an- und Veränderung eingeklagt wird.

Die Fürbittenandachten belegen die Anschlussfähigkeit und Relevanz kirchlicher Rede für gesamtgesellschaftliche Anliegen und nähren zugleich die Hoffnung, dass beharrlicher Protest Veränderung herbeiführen kann.

 

Literatur

Bedford-Strohm, Heinrich: Öffentliche Theologie und Kirche, Bamberg 2011. Auf: https://landesbischof.bayern-evangelisch.de/downloads/Abschiedsvorlesung_Bedford_Strohm.pdf, Stand: 21.12.2017.

Dröge, Markus: Interview mi Radio Paradiso. Auf: http://rundfunkdienst.ekbo.de/fileadmin/ekbo/mandant/rundfunkdienst-berlin.de/Frage_an_den_Bischof/von_J%C3%B6rg_gemischt/171021_bischof_-_peter_steudtner.mp3, Stand: 21.12.2017.

Härle, Wilfried: Dogmatik, Berlin 2015.